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Wohnungsleerstand in Deutschland – Auf die Quote kommt es an

Sobald über Wohnungs- und Städtebau diskutiert wird, taucht sie auf. Die Leerstandsquote. Doch die Geister scheiden sich, wenn es um die Einschätzung der Quote geht. Der Stadtplaner und der Immobilienmakler reden oft aneinander vorbei, da der Begriff bisher nicht klar definiert ist, und jeder den Wohnungsbestand aus seiner Perspektive bewertet. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig schlagen deshalb eine systematische Kategorisierung des Wohnungsleerstandes vor.

Ist ein Leerstand von sechs Prozent noch als moderat zu bewerten oder müssen dann bereits die Alarmglocken läuten? „Das hängt von der Perspektive ab“, sagt Professor Dieter Rink, Stadtsoziologe am UFZ. Für Wohnungssuchende sei er nicht problematisch – im Gegenteil, sie können sich über eine breite Auswahl und fallende Miet- und Hauspreise freuen. Für Eigentümer und Immobilien- und Wohnungsunternehmen sehe das ganz anders aus, denn sie haben bei solch einer Quote Probleme mit der Vermarktung. Auch die Bezugsgrößen variieren. Der Makler bestimmt den „Leerstand“ aus der Zahl leerer Wohnungen, die er vermarkten kann. Der Stadtplaner legt die Gesamtheit der leerstehenden Wohnungen zugrunde, inklusive der Bestände, die saniert oder modernisiert werden müssen oder gar ruinös sind.
Die Forscher des UFZ haben eine Systematik entwickelt, die Leerstand quantitativ und qualitativ bewertet – unter Berücksichtigung der verschiedenen Perspektiven. Sie schlagen eine Kategorisierung in sieben Klassen vor.  Diese reichen von „sehr niedrig“ (unter zwei Prozent) bis „extrem“ (über 15 Prozent). Als „angemessen“ wird Leerstand in der Spanne von drei bis fünf Prozent betrachtet. „Beispielsweise muss berücksichtigt werden, ob es sich um Mietwohnungs- oder Eigentumsmärkte, ländliche, großstädtische oder metropolitane Märkte beziehungsweise schrumpfende oder wachsende Märkte handelt“, betont Rink. Angewendet haben die Wissenschaftler ihre Methode auf die Daten der bislang einzigen flächendeckenden Gebäude- und Wohnungszählung von 2011, die im letzten Jahr publiziert worden sind.

Die Studie offenbart Trends in einem dynamischen Markt. In etwa einem Drittel der Kommunen steht mit 4,4 Prozent eine „angemessene“ Zahl an Wohnungen leer. Weiterhin zeigt sich ein klarer Ost-West-Unterschied, der westdeutsche Wert liegt unter dem im Osten. Es gilt jedoch hier wie dort genau zu analysieren. Aktuelle Empfehlungen für die Wohnraumpolitik können aus den ermittelten Quoten der Studie nicht abgeleitet werden, dafür ist der Datenbestand nicht aktuell genug. Die Anwendung der Leerstands-Kategorien verleiht der Diskussion jedoch eine neue Tiefenschärfe in der Analyse. Sie ermöglicht eine differenzierte Betrachtungsweise und zeigt bundesweit, dass Leerstand und Knappheit räumlich und zeitlich oft nebeneinander existieren. Künftige Debatten um Leerstandsquoten können fortan eindeutiger geführt werden, die Kategorien müssen sich nur durchsetzen.

Weitere Informationen:

http://www.ufz.de/index.php?de=36490

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

MT_Wohnungsleerstand

Leerstandsquoten in deutschen Gemeinden 2011

UFZ (Datengrundlage: Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2014c)

 

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