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App für Senioren – Fit für das Leben im Quartier

Sehen wir den demografischen Wandel mal nicht nur unter der Pflegeperspektive. Ältere Menschen heute sind oft vitaler, gebildeter und sozial kompetenter als ihre Vorgänger. Außerdem zeigt diese Generation ein stärkeres Interesse an der aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die Partner des Projekts „Quartier agil – Aktiv vor Ort“ wollen die Partizipation der Senioren in ihren Sozialräumen unterstützen und beleben. In dem vom Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) geförderten Projekt kooperieren die Hochschule für Gesundheit (hsg), die Hochschule Ruhr West (HRW), die Stadt Bochum, die Stadt Bottrop, die Diakonie-Ruhr sowie das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) in Dortmund.

Quartier meint die überschaubare Wohnumgebung und bezeichnet im Sprachgebrauch den sozialen Raum, mit dem sich die Bewohner besonders identifizieren. Für Menschen, deren Bewegungsradius mit zunehmendem Alter abnimmt, gewinnt das nähere Umfeld immer mehr an Bedeutung. Dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben steht die Frage gegenüber, welche Möglichkeiten bietet das Quartier und welche Wünsche bleiben offen? Die Wissenschaftler werden zunächst häufig frequentierte Anlaufstellen in den Erhebungsgebieten kartografisch erfassen. Ältere Menschen sollen dabei Auskunft über ihre eigene Lebensführung in ihrem Umfeld geben können und somit in den Gestaltungsprozess miteinbezogen werden. Auf der anderen Seite wollen die Forscher ein IT-gestütztes Angebot für ältere Menschen entwickeln, welches sie in ihrem Wohnquartier zu Aktivitäten anregt. In der Fachsprache nennt sich das Ambient Assisted Living und wir sprechen hier über sogenannte mitalternde IT-Architekturen für ein intelligent assistiertes Leben, wie sie von dem Projektpartner ISST erforscht und eingebracht werden. Es liegt in der Natur der Sache, hier geht es neben partizipatorischen gesellschaftlichen Angeboten genauso um die Sicherstellung von medizinischer und pflegerischer Versorgung.

Zur Kick-Off-Veranstaltung des Projekts „Quartier agil – Aktiv vor Ort“ trafen sich am 2. Februar 2016 die Projektpartner in der hsg in Bochum. Die hsg-Experten Prof. Dr. Christian Grüneberg, Prof. Dr. Sascha Sommer und Prof. Dr. Christian Thiel, die in dem Projekt für den Bereich der Mobilität und Kognition verantwortlich sind, waren sich darin einig, dass eine der Herausforderungen in der direkten Einbeziehung der Zielgruppe bestehe. Schlussendlich sei es wichtig, alle Erkenntnisse und Erfahrungen in ein Durchführungsmanual für den Transfer in andere Quartiere, Städte und Regionen münden zu lassen. „Am Ende soll ein Trainingsprogramm mit einer technischen Applikation zur Verfügung stehen, das ältere Menschen in ihrem häuslichen Umfeld und in Ihrem Wohnquartier nutzen können, um ihren Geist und ihren Körper gemeinsam zu trainieren, damit sie besser an der Gesellschaft teilhaben können“, sagte Prof. Dr. Oliver Koch (HRW), Projektleiter für die technische Entwicklung.

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

Foto: Hamburg © Hendrik Neubauer

 

 

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Zivile Sicherheit – Straßburg überwacht seine Wasserqualität bereits online

Wasser trinken, Hände waschen, Zähne putzen und Essen kochen. Millionen Großstädter versorgen sich aus den denselben Leitungen mit Trinkwasser. Stadtwerke und Wasserbetriebe überprüfen täglich die Qualität. Denn schon wenige Tropfen Gift im Trinkwasser könnten verheerende Folgen haben, innerhalb weniger Stunden hätten die toxischen Stoffe unzählige Verbraucher erreicht. Im deutsch-französischen Projekt „SMaRT-OnlineWDN“ (Online Security Management and Reliability Toolkit for Water Distribution Networks) hat das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) mit Partnern aus Industrie und Forschung neue Werkzeuge entwickelt. Sie versetzen Wasserversorger in die Lage, rasch zu reagieren und im Notfall Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Die ständige Analyse des Trinkwassers ist aufwändig. Hier erkannten die Forscher Optimierungsbedarf und entwarfen Online-Simulationen, um den Weg des Wassers zu berechnen. Diese diffizile Aufgabe erklärt der Karlsruher Experte für Strömungsmodelle, Dr. Thomas Bernard, so, in einem Trinkwassernetz sei die Strömung nicht überall gleich: „Sie ändert sich abhängig vom Druck in den Leitungen, dem Durchmesser und der Geometrie der Rohre sowie der Zahl der Verbraucher. Dort, wo sich das Leitungssystem verzweigt, bilden sich häufig Turbulenzen und chaotische Strömungen.“ Die Forscher entwickelten einen Algorithmus, der anzeigt, wo Sensoren optimalerweise platziert werden, um Verschmutzungen im System frühzeitig zu erkennen. Messungen fließen in ein Online-Simulationsmodell ein, das im Alarmfall die Quelle der Kontamination lokalisiert und ermittelt, wohin sich die Verunreinigung in den nächsten Stunden ausbreiten wird. Die lernfähige Software gleicht aktuelle Messwerte ab wie die Trübung, die Temperatur und die bakterielle Belastung des Wassers. Werden kritische Werte erreicht, schlägt das System nicht sofort Alarm, sondern sucht zuerst nach möglichen Ursachen. „Mehr als 90 Prozent aller Anomalien gehen auf veränderte Betriebszustände zurück und sind kein Grund zur Beunruhigung“, erläutert Bernard.

„SMaRT-OnlineWDN“ überwacht bereits in Echtzeit die Straßburger Wasserqualität im Netz. Die Datenbasis liefern hydraulische und Wasserqualitätssensoren im Leitungsnetz. Künftige Modelle sollen noch mehr können: Im deutsch-französichen Projekt „ResiWater“ wird gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) die Sensortechnik verbessert werden. Das IGB arbeitet seit vielen Jahren an einem Biosensor AquaBioTox aus lebenden Zellen, die fluoreszieren. Bei Kontakt mit toxischen Stoffen verringern die Bakterien die Intensität der Fluoreszenz. Gegenwärtig wird die vollautomatisierte Version von AquaBioTox entwickelt. „ResiWater“ arbeitet darüber hinaus an der besseren IT-Sicherheit von Trinkwassersystemen und an einem verbesserten Alarmgenerierungs-Modul. Das verbesserte Sicherheitssystem soll in Zukunft neben den Straßburger auch die Pariser Trinkwasserleitungen kontrollieren.

Weitere Informationen:
SMaRT-OnlineWDN http://www.iosb.fraunhofer.de/servlet/is/30360/
AquaBioTox http://www.iosb.fraunhofer.de/servlet/is/16897/

Foto: Online-Überwachung von Trinkwasserleitungen:Der biologische Breitbandsensor AquaBioTox © Fraunhofer IOSB

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

 

 

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Wärmeinsel Stadt – Satelliten finden nachhaltige Energie

Es gibt Sommernächte, da klettert das Thermometer im Zentrum einer deutschen City acht Grad höher als draußen vor der Stadt. Überhaupt liegen die Temperaturen in Städten im Jahresmittel deutlich über denen im Umland. Forscher sprechen von urbanen Wärmeinseln. Die Atmosphäre, die Oberfläche sowie der Untergrund der Städte heizen sich auf. Wissenschaftler sind jetzt dabei, das enorme geothermische Potenzial unterirdischer Wärmeinseln zu entdecken. Aus erwärmtem Grundwasser lässt sich nachhaltige Energie zum Heizen und Kühlen gewinnen. Forscher am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben eine neue Methode entwickelt, unterirdische Wärmeinseln aufzuspüren: Sie schätzen die Grundwassertemperatur anhand der satellitengestützt gemessenen Oberflächentemperatur und der Bebauungsdichte. In der Zeitschrift „Environmental Science & Technology“ berichten sie darüber.

Oberirdische und unterirdische Wärmeinseln sind vor allem durch Wärmeleitung miteinander verbunden. Nun hat eine Gruppe von Wissenschaftlern vom Institut für Angewandte Geowissenschaften (AGW) und vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Spurengase und Fernerkundung (IMK-ASF) des KIT sowie von der ETH Zürich die Wärmeinseln in Berlin, München, Köln und Karlsruhe in ihrem Verhältnis zueinander untersucht. Die flächendeckende Messung von Grundwassertemperaturen ist naturgemäß aufwändig. Dagegen lässt sich mit satellitengestützten Messungen die zeitliche und räumliche Ausdehnung von oberirdischen Wärmeinseln relativ leicht erschließen. Also schlossen die Forscher aufgrund der bekannten oberirdischen Wärmeinseln auf die im Untergrund. Dabei stellten sie eine räumliche Übereinstimmung von bis zu 80 Prozent fest. Um diese Schätzungen zuverlässiger zu gestalten, wurden zusätzlich Bebauungsdichte und Kellertemperatur herangezogen. So gelang es, die regionalen Grundwassertemperaturen wesentlich genauer zu schätzen. „Diese Methode ermöglicht eine erste Bewertung der unterirdischen Wärmeinseln und damit der ökologischen Bedingungen im Grundwasser und des geothermischen Potenzials, ohne dass dafür aufwendige Grundwassertemperaturmessungen und Interpolationen erforderlich sind“, erklärt Philipp Blum, Professor für Ingenieurgeologie am AGW des KIT.
Immer mehr Gebäude schießen in die Höhe, immer mehr Flächen werden versiegelt, immer mehr Verkehr beherrscht die Straßen. Diese Hauptfaktoren lassen urbane Wärmeinseln entstehen. Die negativen Effekte wie Luftverschmutzung und Sterblichkeit bei Hitzewellen sind hinlänglich bekannt und nicht zuletzt begünstigen erhöhte Bodentemperaturen das Wachstum von Krankheitserregern im Grundwasser. Würde jedoch das geothermische Potenzial der unterirdischen Wärmeinseln genutzt, ließe sich damit ein Teil des wachsenden Energiebedarfs der Städte decken. Dies hätte insgesamt den Effekt, die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren und damit wiederum der Erwärmung entgegenzuwirken.
Link zur Veröffentlichung

http://pubs.acs.org/doi/abs/10.1021/acs.est.5b03672

Foto:  Bei urbanen Wärmeinseln in Städten wie Karlsruhe spielen Faktoren wie Besiedlung, Flächenversiegelung, Vegetation, Wärmeabstrahlung von Gebäuden, Industrie und Verkehr zusammen. © KIT

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

 

 

 

Hamburg Kiel 2010 241

Kriminalität und Innere Sicherheit: Objektive Lage und Wahrnehmung

Wer aus der gefährlichen Großstadt auf das Land zieht, lebt sicherer. Entspricht das den Tatsachen oder ist das nur Vorurteil? Wo lauern die realen Gefahren in Deutschland und wo ist die Furcht vor Kriminalität am größten? Diesen Fragen geht die aktuelle Ausgabe der Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) nach.

Die Artikel des Vierteljahresheftes, die sich auch den ökonomischen Aspekten von Kriminalität widmen, basieren auf Daten des Kriminalitätsindikators WISIND, der vom DIW entwickelt wurde. Der sogenannte Sicherheitsindikator misst bundesweit unterschiedliche Kriminalitätsformen, die Individuen unmittelbar betreffen, und stellt sie einer breit gefächerten Bedrohungsmessung gegenüber. Das Verfahren speist sich aus einer Vielzahl von Quellen, wie etwa Medienanalysen, der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS), repräsentativen Bevölkerungsbefragungen und Experten-Interviews bis hin zu Daten aus Sozialen Medien.

Gelegentlich wird die Vermutung laut, die Furcht, Opfer krimineller Handlungen zu werden, sei vielfach irrational und decke sich nicht mit der faktischen Sicherheitslage. Die Daten des Sicherheitsindikator beweisen das Gegenteil. Auf die Wechselbeziehung zwischen regionaler Kriminalitätsbelastung und Kriminalitätsfurcht verweist Professor Dr. Martin Kroh, stellvertretender Leiter des Sozio-oekonomischen Panels am DIW Berlin. „Im Norden Deutschlands ist die Furcht vor Kriminalität deutlich höher als im Süden, was auch der Belastung entspricht, und in Städten ist die Furcht erwartungsgemäß etwas höher als auf dem Land“, führt Kroh aus. „Es gibt aber auch Regionen, wo die Kriminalitätsfurcht höher ist als die faktische Belastung oder anders herum. Zum Beispiel ist Köln eine Stadt, wo die Furcht relativ gering, aber die Bedrohung relativ hoch ist. Dagegen ist im Umfeld von Stuttgart, zumindest nach unseren Befunden, die Furcht höher als die faktische Bedrohung.“ Der Sicherheitsindikator zeigt aber auch an, dass das Stadt-Land-Gefälle schwindet, wenn die ständig wachsende Internetkriminalität mit in Betracht gezogen wird. Cyberkrminelle erreichen die Menschen, vorausgesetzt sie sind online, auch auf dem Land.

Zwei der fünf Beiträge des Vierteljahresheftes widmen sich darüber hinaus den Themen „Objektive Lage und Wahrnehmung durch Medien und Politik.“  Der Vermittlung von Kriminalitätsbedrohung durch Medien und Politik wird ein Hang zur Skandalisierung und Einseitigkeit nachgesagt. Unbestritten ist, dass die öffentliche Diskussion über Innere Sicherheit im Wahlkampf und die Berichterstattung über Kriminalität in den Medien einen hohen Stellenwert für die subjektive Wahrnehmung von Bedrohung einnehmen.

Publikation:

http://tinyurl.com/nljwngv

Weitere Informationen:

http://sicherheitsindikator.de/

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

Fotografie: © Hendrik Neubauer

 

 

MFG5-Areal, Kiel-Holtenau

Interaktiver Atlas demonstriert die Folgen des Klimawandels

Zwei Wochen lang wird ab dem 30. November 2015 auf der 21st Conference of the Parties (COP21) in Paris über das Weltklima verhandelt. Zu den Themen zählt auch das Zwei-Grad-Ziel, das 2010 auf der UN-Klimakonferenz von Cancun bereits als rechtlich bindend anerkannt wurde. Dieses Ziel haben Wissenschaftler aus 29 Forschungsinstituten in den vergangenen vier Jahren im Rahmen des EU-Projektes IMPACT2C ins Visier genommen und einen interaktiven Atlas entwickelt. Mit wenigen Klicks in diesem Webatlas lässt sich online verfolgen, dass eine globale Erwärmung von nur 2 Grad C zu Veränderungen in vielen Lebensbereichen führen wird.

Das Projekt IMPACT2C hat untersucht, wie sich der Temperaturanstieg auf Klima, Energie, Gesundheit, Land- und Forstwirtschaft sowie Ökosysteme, Wasser, Tourismus, Küsten in Europa und außereuropäische Hotspots auswirkt. Es zeigt sich, dass nicht nur Afrika und die Inselstaaten von der Erwärmung getroffen werden. Auch in Europa werden die Temperaturen in bestimmten Regionen um zwei Grad steigen, das gehe einher mit Hitzewellen, aber auch Starkniederschläge nehmen zu. Für die Hafenstadt Dublin prognostizieren die Forscher steigende Hochwasserschutzkosten um 50 Prozent, Amsterdam, Rotterdam und Hamburg bleiben dagegen im bisherigen finanziellen Rahmen. Es gebe aber auch unerwartete Entwicklungen, so werde sich der Klimawandel negativ auf die weltweite Landwirtschaft auswirken, die Europäer werden ihre Produktion jedoch um 30 Prozent erhöhen. Der weltweite Effekt werde durch die bis dahin zu erwartende technologische Weiterentwicklung in Europa überkompensiert. „Dies veranschaulicht, wie wichtig es ist, in Bezug auf mögliche Klimawandelfolgen das betrachtete System ganzheitlich zu simulieren und nicht nur einzelne Komponenten daraus zu betrachten“, betont Dr. Daniela Jacob. Die Direktorin des Climate Service Center Germany (GERICS) in Hamburg hat das Projekt koordiniert.
Die Klimaforscherin Jacob hofft, mit dem Projekt IMPACT2C und dem Web-Atlas die Diskussionen auf der COP21 nachhaltig zu bereichern. Paris müsse das Zwei-Grad-Ziel noch einmal ausdrücklich bestätigen. „Bei einem stärkeren Temperaturanstieg als 2 Grad C wäre es deutlich schwieriger, mit den Folgen umzugehen“, betont Frau Dr. Daniela Jacob. Auch das zeigt der IMPACT2C Web-Atlas an einigen ausgewählten Fallstudien.
Weitere Informationen:

https://www.atlas.impact2c.eu/en/

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

Foto: © Hendrik Neubauer

 

 

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Verkehrslärm steigert das Risiko für Depressionen

Wer an vielbefahrenen Straßen wohnt, der lebt mit höheren Gesundheitsrisiken. Dauerlärm schlägt auf das Herz, das haben Studien hinlänglich bewiesen. Ständige Beschallung durch Verkehr belastet aber auch die Seele. Das belegt eine große Langzeitstudie der Universität Duisburg-Essen. Wissenschaftler vom Zentrum für Urbane Epidemiologie (CUE) haben 3300 Menschen zwischen 45 und 75 Jahren in Bochum, Essen und Mülheim an der Ruhr untersucht und ihre psychische Verfassung abgeglichen mit sogenannten Lärmkarten ihres Wohnortes.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren erfassten die Forscher regelmäßig den Gesundheitszustand der Teilnehmer. Wie sie im Fachmagazin “Environmental Health Perspectives” berichten, entwickelten jene, die an Straßen mit viel Verkehrslärm lebten, deutlich häufiger depressive Symptome als jene, die weniger Lärm in unmittelbarer Nähe ausgesetzt waren. Das Risiko, an lauten Straßen depressiv zu werden, steige demnach um etwa 25 Prozent. Vor allem Teilnehmer mit niedrigerem Bildungsstand reagierten empfindlich auf den Lärm. „Über die Gründe hierfür kann man zum jetzigen Zeitpunkt nur spekulieren“, so Ester Orban vom CUE. Möglicherweise hänge diese Empfindlichkeit damit zusammen, dass Menschen mit niedrigerer Bildung auch sonst im Leben mit mehr belastenden Situationen und Einflüssen umgehen müssten – und das ihre Widerstandsfähigkeit vermindere, vermuten die Experten. „Dies müssen aber zukünftige Studien gezielt untersuchen“, schaut Orban voraus und resümiert, „dass die Erkenntnisse erneut bestätigen, wie wichtig der Lärmschutz für die Gesundheit der Bevölkerung ist.“

Das Forschungsprojekt der CUE ist Teil der Heinz Nixdorf Recall Studie, die seit dem Jahr 2000 Menschen aus dem Ruhrgebiet regelmäßig untersucht und befragt. Mit dem Fokus auf Herzkreislauferkrankungen untersuchen die Wissenschaftler, welchen Einfluss die gebaute Stadt auf die Gesundheit der Menschen hat. Rund 4.800 Bürgerinnen und Bürger sind an diesem Langzeitprojekt beteiligt.

Mehr Informationen:

http://ehp.niehs.nih.gov/14-09400/

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

Fotografie: © Hendrik Neubauer

 

 

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„Stadt, Land, Netz!“ 2015 – Innovationen für eine digitale Welt

Bereits heute werden in urbanen Zentren Unmengen an Daten erzeugt und genutzt. Auf dem Land sieht das noch etwas anders aus, aber die Digitalisierung schreitet auch hier immer weiter voran. Diese Erkenntnis ist fast eine Binsenweisheit. Umso wichtiger sind Innovationswettbewerbe wie „Ausgewählte Orte im Land der Ideen“, der seit 2006 von der Deutschen Bank gemeinsam mit der Standortinitiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgeschrieben wird. Jeder einzelne Gewinner steht für konkrete Innovationen. Betrachtet man darüber hinaus das gesamte Feld der 100 Preisträger, lassen sich fünf Metatrends herausfiltern. Das haben Experten des Fraunhofer IAO in ihrem Trendreport „Stadt, Land, Netz!“ analysiert.

Der Report 2015 stellt fest, Unternehmen treiben die digitalen Innovationen voran. Ihnen stehen wissenschaftliche Einrichtungen in nichts nach. Viele der Preisträger setzen ihre Projekte in relativ kurzer Zeit um, mit dem Ziel durch Digitalisierung und Automatisierung in Zukunft Zeit und Kosten einzusparen. Die digitale Zukunft macht die Fraunhofer-IAO-Studie in fünf Metatrends fest. Trend 1 will die Datenflut unter dem Motto „Wissen – Daten intelligent nutzen“ bewältigen. Intelligentes Wissensmanagement wird künftig zum entscheidenden Faktor. Trend 2 nimmt den „User“ ins Visier. „Netzfähig – Digitale Kompetenz erwerben“ meint, dass wir alle lernen müssen, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern. Trend 3 „Klickbewusst – Bewusst surfen und Ressourcen sparen“ spiegelt die Einsicht wider, dass nichts umsonst ist in der digitalen Welt. Die ausgezeichneten Ideen wollen dazu beitragen, die Kosten für Gesellschaft und Umwelt zu reduzieren. Trend 4 will „Grenzüberschreitend – Systembarrieren überwinden“: In Zukunft soll es eine Schnittstelle für alles geben: eine Universalbedienung für das Leben, die jeder individuell und selbstbestimmt für sich nutzen könne. Last but not least gibt Trend 5 ein letztes großes Ziel aus: „Wandelbar – Technik, die sich anpasst“. Anpassungsfähige Systeme lernen, die Bedürfnisse und Vorlieben der Nutzer umzusetzen und passen sich automatisch an diese an.

In seiner Trendstudie zeichnet das Fraunhofer IAO auch eine Vision: In zehn Jahren werden Programmierkenntnisse für jedes Kind selbstverständlich sein. Im virtuellen Klassenzimmer werden auch die Fachleute lebenslang lernen müssen. Museen und Theater präsentieren sich dann via 3-D-Angeboten online im heimischen  Wohnzimmer. Intelligente Geräte denken überall automatisch mit. Wer möchte, kann den Arztbesuch per Mausklick von zu Hause aus erledigen.  Multifunktionale Wänden werden die Städte wieder begrünen. Währenddessen erobert das Internet der Dinge nicht nur unsere Haushalte, sondern auch die Natur und eröffnet vollkommen neue Möglichkeiten, die Umwelt zu erfahren. Informationssharing wird dabei eine Selbstverständlichkeit – im Privaten wie im Beruf. Wird 2025 unser „Stadt, Land, Netz“ so aussehen?

Mehr Informationen:

http://trendreport.deutschland-vernetzt.de/

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

Foto: © Hendrik Neubauer

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Wohnungsleerstand in Deutschland – Auf die Quote kommt es an

Sobald über Wohnungs- und Städtebau diskutiert wird, taucht sie auf. Die Leerstandsquote. Doch die Geister scheiden sich, wenn es um die Einschätzung der Quote geht. Der Stadtplaner und der Immobilienmakler reden oft aneinander vorbei, da der Begriff bisher nicht klar definiert ist, und jeder den Wohnungsbestand aus seiner Perspektive bewertet. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig schlagen deshalb eine systematische Kategorisierung des Wohnungsleerstandes vor.

Ist ein Leerstand von sechs Prozent noch als moderat zu bewerten oder müssen dann bereits die Alarmglocken läuten? „Das hängt von der Perspektive ab“, sagt Professor Dieter Rink, Stadtsoziologe am UFZ. Für Wohnungssuchende sei er nicht problematisch – im Gegenteil, sie können sich über eine breite Auswahl und fallende Miet- und Hauspreise freuen. Für Eigentümer und Immobilien- und Wohnungsunternehmen sehe das ganz anders aus, denn sie haben bei solch einer Quote Probleme mit der Vermarktung. Auch die Bezugsgrößen variieren. Der Makler bestimmt den „Leerstand“ aus der Zahl leerer Wohnungen, die er vermarkten kann. Der Stadtplaner legt die Gesamtheit der leerstehenden Wohnungen zugrunde, inklusive der Bestände, die saniert oder modernisiert werden müssen oder gar ruinös sind.
Die Forscher des UFZ haben eine Systematik entwickelt, die Leerstand quantitativ und qualitativ bewertet – unter Berücksichtigung der verschiedenen Perspektiven. Sie schlagen eine Kategorisierung in sieben Klassen vor.  Diese reichen von „sehr niedrig“ (unter zwei Prozent) bis „extrem“ (über 15 Prozent). Als „angemessen“ wird Leerstand in der Spanne von drei bis fünf Prozent betrachtet. „Beispielsweise muss berücksichtigt werden, ob es sich um Mietwohnungs- oder Eigentumsmärkte, ländliche, großstädtische oder metropolitane Märkte beziehungsweise schrumpfende oder wachsende Märkte handelt“, betont Rink. Angewendet haben die Wissenschaftler ihre Methode auf die Daten der bislang einzigen flächendeckenden Gebäude- und Wohnungszählung von 2011, die im letzten Jahr publiziert worden sind.

Die Studie offenbart Trends in einem dynamischen Markt. In etwa einem Drittel der Kommunen steht mit 4,4 Prozent eine „angemessene“ Zahl an Wohnungen leer. Weiterhin zeigt sich ein klarer Ost-West-Unterschied, der westdeutsche Wert liegt unter dem im Osten. Es gilt jedoch hier wie dort genau zu analysieren. Aktuelle Empfehlungen für die Wohnraumpolitik können aus den ermittelten Quoten der Studie nicht abgeleitet werden, dafür ist der Datenbestand nicht aktuell genug. Die Anwendung der Leerstands-Kategorien verleiht der Diskussion jedoch eine neue Tiefenschärfe in der Analyse. Sie ermöglicht eine differenzierte Betrachtungsweise und zeigt bundesweit, dass Leerstand und Knappheit räumlich und zeitlich oft nebeneinander existieren. Künftige Debatten um Leerstandsquoten können fortan eindeutiger geführt werden, die Kategorien müssen sich nur durchsetzen.

Weitere Informationen:

http://www.ufz.de/index.php?de=36490

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

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Leerstandsquoten in deutschen Gemeinden 2011

UFZ (Datengrundlage: Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2014c)

 

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„Hilf dir selbst…“ – Bürgerengagement braucht Ermöglichungskultur

Kindergartenplätze sind Mangelware. Hallenbäder werden geschlossen. Vereine haben keine Räumlichkeiten. In Zeiten des demografischen Wandels und sinkender Bugdets mangelt es vielerorts an der Grundversorgung. Insbesondere kleine Städte und Gemeinden im ländlichen Raum fragen sich, wie sie die steigende Nachfrage an sogenannter Daseinsvorsorge finanzieren sollen. Der Problemdruck steigt und gleichzeitig engagieren sich immer mehr Bürger, um pragmatische und innovative Lösungen zu entwickeln. In einer Studie für das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und das Bundesumweltministerium hat das Institut Arbeit und Technik (IAT / Westfälische Hochschule) eine Bestandsaufnahme neuartiger Kooperationen und Finanzierungsmodelle im Bereich der sozialen und kulturellen Infrastruktur unternommen.

Die Studie identifiziert insgesamt 160 Projekte und Initiativen. Darüber hinaus wurden 11 Fallbeispiele im Hinblick auf ihre zentralen Rahmenbedingungen und Erfolgsfaktoren analysiert. Im Fall aus Olfen im südlichen Münsterland gründeten Bürger die Stiftung „Unser Leohaus“ und belebten das 2006 aufgegebene, ehemals kirchliche Gemeindehaus wieder. Das Projekt wurde von der öffentlichen Hand bei der Konzeptentwicklung und in der Bauphase mit Rat und Tat unterstützt, nun steht in diesem November die Eröffnung bevor. Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass sich bundesweit in sozialen und kulturellen Bereichen eine neue Verantwortungsteilung zwischen Kommune und Bürgerschaft bildet. Viele Bürgerinnen und Bürger wollen sich stärker beteiligen und sich nach ihren Möglichkeiten für ihre Kommune engagieren: als Wissensgeber, als Co-Produzent statt reiner Konsument öffentlicher Leistungen oder als Geldgeber. „Kommunen sollten für dieses Engagement offen sein und eine Ermöglichungskultur im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe schaffen“, so das Forscherteam um Dr. Stefan Gärtner, Leiter des Forschungsschwerpunkts Raumkapital am IAT. Gleichzeitig ständen die Kommunen aber weiterhin in der Verantwortung als Gewährleistungsinstanz für ein weiterhin angemessenes Angebot der Daseinsvorsorge.
Projekte sind laut der Studie besonders dann erfolgreich, wenn sie von engagierten Ehrenamtlern getragen werden, die es immer wieder schaffen, andere Menschen zu motivieren. Für Menschen, die aktiv werden wollen, gibt es nun auch einen Leitfaden speziell zum Thema Daseinsvorsorge. Die Empfehlungen reichen bis hin zu möglichen Rechts- und Organisationsformen sowie Fragen der Finanzierung. Der Ratgeber zeigt aber auch Kommunen Möglichkeiten auf, wie bei Bürgerinnen und Bürger Hemmschwellen abgebaut werden können, die Aufgaben vor ihrer Haustür selber mitanzupacken.

Foto: Bürgerschaftliches Engagement beim Bau des Leohauses in Olfen © Bürgerstiftung Leohaus/Gaby Wiefel

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

 

 

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Zuwanderung als Chance für Klein- und Mittelstädte?

Stadtentwickler in Großstädten wie München oder Berlin diskutieren seit längerem die Rolle von Zuwanderern. Welche Rolle können diese bei der Entwicklung städtischer Zentren spielen? Wie gelingt es, dass Integrationspolitik nicht als lästige oder bedrohliche Aufgabe gesehen wird sondern als Chance? Aber nicht nur die Metropolen sind gefordert. Von daher fokussiert sich das Deutsches Institut für Urbanistik (Difu) in seinem aktuellen Forschungsprojekt auf die „Vielfalt in den Zentren von Klein- und Mittelstädten“, deren Innenstädte immer mehr Leerstände und einen vergleichsweise hohen Zuwandereranteil aufweisen.
Vor allem in Kleinstädten mit historischem Stadtkern dienten die Innenstädte lange als „gute Stube“, aber der „Putz“ bröckelt vielerorts. Die Einzelhandelszentren liegen längst auf der „grünen Wiese“ und die Wohnungen, sofern sie nicht großzügig geschnitten und luxussaniert sind, ziehen vor allem eine sozial schwache Klientel wie Migranten an. Das Projekt richtet sein Augenmerk auf Innenstadtbewohner in Klein- und Mittelstädten und zielt darauf ab, Stadtentwicklung und Integrationspolitik praktisch zu verknüpfen. In acht ausgewählten Kommunen will man das Zusammenspiel von baulich-infrastrukturellen und sozial-integrativen Maßnahmen anregen. Gemeinsam mit den zivilgesellschaftlichen Akteuren und der Bewohnerschaft vor Ort geht es darum, die sozialräumliche Integration und Teilhabechancen von Zuwanderern zu verbessern und damit auch auf die Entwicklung einer gemeinsamen städtischen Identität Einfluss zu nehmen.

Durch seinen praxisorientierten Ansatz will das Forschungsprojekt einen Beitrag leisten, um Zentren im ländlichen Raum zu stabilisieren. Erklärtes Ziel ist es auch, vorrangig in ostdeutschen Kommunen, die zivilgesellschaftlichen Strukturen zu stärken, um Diskriminierung und Alltagsrassismus abzubauen. Laut aktueller Prognosen werden Städte in heute strukturschwachen Regionen die Auswirkungen des demografischen Wandels wohl nur überleben, wenn es ihnen gelingt ein weltoffenes Image zu entwickeln und Zuwanderer für sich zu gewinnen.

Das Difu-Projekt endet im Mai 2018 mit einer Abschlusskonferenz. Es erfolgt mit finanzieller Unterstützung des Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) der EU, des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration. Weitere Kooperationspartner sind der Deutsche Städte- und Gemeindebund und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

Weitere Informationen:

http://www.difu.de/sites/difu.de/files/kurzfassung_projekt.pdf

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

Foto: Flensburg © Hendrik Neubauer

 

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