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Hamburger Architektur Sommer 2015
 – Über die Verhältnisse

»Der Hamburger Architektur Sommer ist Deutschlands ältestes und bedeutendstes regelmäßiges Architekturfestival.« So urteilt die Hamburger Architektenkammer über das Festival, das am Abend des 4. Mai mit seiner achten Ausgabe in der HafenCityUniversität startete. Von Mai bis Ende Juli präsentieren über 150 Veranstalter an mehr als 100 Orten in der Stadt ein Programm von über 200 Veranstaltungen in Form von Ausstellungen, Vorträge, Filme, Installationen, Konferenzen, Aktionen, Werkstätten.

Bürgerschaftliches Engagement

Die neue Senatorin für Stadtentwicklung und Umwelt, Dorothee Stapelfeldt, lobte in ihrer Eröffnungsrede den Veranstaltungs-Marathon. Hier komme »einzigartiges baukulturelles bürgerschaftliches Engagement« zum Ausdruck. Das Feld der Akteure umfasst Architekturbüros, Museen, Berufsverbände, Galerien, Initiativen, Behörden, Hochschulen, Stadtplaner, Schulen, Künstler. Die Themen sind breit aufgestellt. Das Programm zu Architektur und Stadtentwicklung richtet sich an interessierte Laien ebenso wie an das Fachpublikum. »Über die Verhältnisse« lautet der diesjährige Titel und Schwerpunkt.

Wohnen Wohnen Wohnen

Stapelfeldt kennt das Metier und die Verhältnisse vor Ort. Die Kunsthistorikerin hat über den »Wohnungsbau der 50er Jahre in Hamburg« promoviert. Und wie ihre Vorgängerin Jutta Blankau machte sie klar, dass auch sie eine der Hauptaufgaben darin sieht, Wohnraum in Hamburg zu schaffen. 6.000 Wohnungen pro Jahr, dieses Ziel ist in den letzten zwei Jahren erreicht worden, dabei soll es bleiben. Ansonsten steckte sie ihre Handlungsfelder ab: die Entwicklung der HafenCity, der Sprung über die Elbe und die Entwicklung des Südens, die Mitte Altona, der Hamburger Osten unter dem Motto Stromaufwärts an Elbe und Bille sowie die Olympiabewerbung. Nennen wir das mal die Stapelfeldtschen Big Five.

Walter und die aktuelle Agenda

Dann betrat Oberbaudirektor Jörn Walter das Podium. Stimmgewaltig und voller Engagement ritt er seine aktuelle Agenda ab. Er hob hervor, dass sich der Architektursommer in erster Linie mit dem Bestand befasse. Dass es mehr Diskussionen, mehr Kongresse und mehr Begehungen gäbe. Vor allem letztere Form gefalle ihm, denn wer sich vor Ort ein Bild mache, revidiere das eine oder andere Vorurteil sowie Wunschvorstellungen. Praxisnähe war so etwas wie ein roter Faden, der sich durch seine Ausführungen zog. Walter erwähnte auch die Schwierigkeiten mit den Architekturerbe der 1950er, 1960er und 1970er, ohne jedoch Stellung zu dem City-Hof zu beziehen. Die Situation am Klosterwall bleibt ungewiss, wenn auch die Stadt am Montag erklärt hat, drei Vorhaben aus dem Bieterverfahren City-Hof in die engere Auswahl genommen zu haben – darunter ein Sanierungsvorhaben. Im Hinblick auf die Elbphilharmonie bemerkte Walter, hier handele es sich nicht um Ereignisarchitektur sondern um ein Architekturereignis. Insgesamt wünsche er dem Architektur Sommer »Über die Verhältnisse« vielleicht auch zu utopischen Ansichten zu gelangen. Sagen wir mal, gut gebrüllt, Löwe.

Über die Verhältnisse hinaus

Für den Blick von außen sorgte Dietmar Steiner, er ist 1993 Direktor des Architekturzentrums Wien. Sein Vortrag trug den Titel: »Die letzten fünfzig Jahre – Der Weg ins Chaos«. Das war eine vielversprechende Ansage. Was folgte, war ein Galopp durch fünf Jahrzehnte Architektur- und Stadtentwicklungsgeschichte mit geballtem Namedropping. Kurz zusammengefasst: Architektur habe seine soziale Verantwortung verloren, die Architektur habe sich in Personalstile aufgelöst und befinde sich eigentlich noch mitten in der Phase der Dekonstruktion des Urbanen. »Über die Verhältnisse« vor Ort in Hamburg bemerkte Steiner, dass ihn bei einem Besuch Anfang der 1960er Jahre der City-Hof in seiner »archaisch skulpturalen Wirkung« stark beeindruckt hätte. Er hoffe, dass dieses Baudenkmal erhalten bleibe. Und im Bezug auf den Architektur Sommer schilderte er den Versuch Mitte der 1990er Jahre das Festival auf Wien zu übertragen: Dieses Vorhaben sei nach einem Versuch grandios gescheitert. Sagen wir mal, das war alles charmant vorgetragen und sehr gelehrt, aber Steiner hinterließ eher den Eindruck eines zahnlosen Tigers.  Und beim Wein hörte ich die Bemerkung zu diesem Vortrag: »Where was the beef?«
Die Festspiele der Architektur im Hamburger Sommer 2015 sind eröffnet. Und wenn sich im Juli der Vorhang schliesst, dann bleiben sicherlich jede Menge Irritationen und Fragen offen. Aber wir haben darüber geredet. Das ist für manches Verhältnis schon mal ein großer Schritt.
Ich wünsche eine aufregende Architektur-Safari! Heia!

Veranstaltung: Urbane Neigungen; Veranstalter: Berthold Eckebrecht, Hendrik Neubauer

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