Kategorie-Archiv: Sozialverhalten

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App für Senioren – Fit für das Leben im Quartier

Sehen wir den demografischen Wandel mal nicht nur unter der Pflegeperspektive. Ältere Menschen heute sind oft vitaler, gebildeter und sozial kompetenter als ihre Vorgänger. Außerdem zeigt diese Generation ein stärkeres Interesse an der aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die Partner des Projekts „Quartier agil – Aktiv vor Ort“ wollen die Partizipation der Senioren in ihren Sozialräumen unterstützen und beleben. In dem vom Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) geförderten Projekt kooperieren die Hochschule für Gesundheit (hsg), die Hochschule Ruhr West (HRW), die Stadt Bochum, die Stadt Bottrop, die Diakonie-Ruhr sowie das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) in Dortmund.

Quartier meint die überschaubare Wohnumgebung und bezeichnet im Sprachgebrauch den sozialen Raum, mit dem sich die Bewohner besonders identifizieren. Für Menschen, deren Bewegungsradius mit zunehmendem Alter abnimmt, gewinnt das nähere Umfeld immer mehr an Bedeutung. Dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben steht die Frage gegenüber, welche Möglichkeiten bietet das Quartier und welche Wünsche bleiben offen? Die Wissenschaftler werden zunächst häufig frequentierte Anlaufstellen in den Erhebungsgebieten kartografisch erfassen. Ältere Menschen sollen dabei Auskunft über ihre eigene Lebensführung in ihrem Umfeld geben können und somit in den Gestaltungsprozess miteinbezogen werden. Auf der anderen Seite wollen die Forscher ein IT-gestütztes Angebot für ältere Menschen entwickeln, welches sie in ihrem Wohnquartier zu Aktivitäten anregt. In der Fachsprache nennt sich das Ambient Assisted Living und wir sprechen hier über sogenannte mitalternde IT-Architekturen für ein intelligent assistiertes Leben, wie sie von dem Projektpartner ISST erforscht und eingebracht werden. Es liegt in der Natur der Sache, hier geht es neben partizipatorischen gesellschaftlichen Angeboten genauso um die Sicherstellung von medizinischer und pflegerischer Versorgung.

Zur Kick-Off-Veranstaltung des Projekts „Quartier agil – Aktiv vor Ort“ trafen sich am 2. Februar 2016 die Projektpartner in der hsg in Bochum. Die hsg-Experten Prof. Dr. Christian Grüneberg, Prof. Dr. Sascha Sommer und Prof. Dr. Christian Thiel, die in dem Projekt für den Bereich der Mobilität und Kognition verantwortlich sind, waren sich darin einig, dass eine der Herausforderungen in der direkten Einbeziehung der Zielgruppe bestehe. Schlussendlich sei es wichtig, alle Erkenntnisse und Erfahrungen in ein Durchführungsmanual für den Transfer in andere Quartiere, Städte und Regionen münden zu lassen. „Am Ende soll ein Trainingsprogramm mit einer technischen Applikation zur Verfügung stehen, das ältere Menschen in ihrem häuslichen Umfeld und in Ihrem Wohnquartier nutzen können, um ihren Geist und ihren Körper gemeinsam zu trainieren, damit sie besser an der Gesellschaft teilhaben können“, sagte Prof. Dr. Oliver Koch (HRW), Projektleiter für die technische Entwicklung.

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

Foto: Hamburg © Hendrik Neubauer

 

 

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Kriminalität und Innere Sicherheit: Objektive Lage und Wahrnehmung

Wer aus der gefährlichen Großstadt auf das Land zieht, lebt sicherer. Entspricht das den Tatsachen oder ist das nur Vorurteil? Wo lauern die realen Gefahren in Deutschland und wo ist die Furcht vor Kriminalität am größten? Diesen Fragen geht die aktuelle Ausgabe der Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) nach.

Die Artikel des Vierteljahresheftes, die sich auch den ökonomischen Aspekten von Kriminalität widmen, basieren auf Daten des Kriminalitätsindikators WISIND, der vom DIW entwickelt wurde. Der sogenannte Sicherheitsindikator misst bundesweit unterschiedliche Kriminalitätsformen, die Individuen unmittelbar betreffen, und stellt sie einer breit gefächerten Bedrohungsmessung gegenüber. Das Verfahren speist sich aus einer Vielzahl von Quellen, wie etwa Medienanalysen, der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS), repräsentativen Bevölkerungsbefragungen und Experten-Interviews bis hin zu Daten aus Sozialen Medien.

Gelegentlich wird die Vermutung laut, die Furcht, Opfer krimineller Handlungen zu werden, sei vielfach irrational und decke sich nicht mit der faktischen Sicherheitslage. Die Daten des Sicherheitsindikator beweisen das Gegenteil. Auf die Wechselbeziehung zwischen regionaler Kriminalitätsbelastung und Kriminalitätsfurcht verweist Professor Dr. Martin Kroh, stellvertretender Leiter des Sozio-oekonomischen Panels am DIW Berlin. „Im Norden Deutschlands ist die Furcht vor Kriminalität deutlich höher als im Süden, was auch der Belastung entspricht, und in Städten ist die Furcht erwartungsgemäß etwas höher als auf dem Land“, führt Kroh aus. „Es gibt aber auch Regionen, wo die Kriminalitätsfurcht höher ist als die faktische Belastung oder anders herum. Zum Beispiel ist Köln eine Stadt, wo die Furcht relativ gering, aber die Bedrohung relativ hoch ist. Dagegen ist im Umfeld von Stuttgart, zumindest nach unseren Befunden, die Furcht höher als die faktische Bedrohung.“ Der Sicherheitsindikator zeigt aber auch an, dass das Stadt-Land-Gefälle schwindet, wenn die ständig wachsende Internetkriminalität mit in Betracht gezogen wird. Cyberkrminelle erreichen die Menschen, vorausgesetzt sie sind online, auch auf dem Land.

Zwei der fünf Beiträge des Vierteljahresheftes widmen sich darüber hinaus den Themen „Objektive Lage und Wahrnehmung durch Medien und Politik.“  Der Vermittlung von Kriminalitätsbedrohung durch Medien und Politik wird ein Hang zur Skandalisierung und Einseitigkeit nachgesagt. Unbestritten ist, dass die öffentliche Diskussion über Innere Sicherheit im Wahlkampf und die Berichterstattung über Kriminalität in den Medien einen hohen Stellenwert für die subjektive Wahrnehmung von Bedrohung einnehmen.

Publikation:

http://tinyurl.com/nljwngv

Weitere Informationen:

http://sicherheitsindikator.de/

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

Fotografie: © Hendrik Neubauer

 

 

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„Hilf dir selbst…“ – Bürgerengagement braucht Ermöglichungskultur

Kindergartenplätze sind Mangelware. Hallenbäder werden geschlossen. Vereine haben keine Räumlichkeiten. In Zeiten des demografischen Wandels und sinkender Bugdets mangelt es vielerorts an der Grundversorgung. Insbesondere kleine Städte und Gemeinden im ländlichen Raum fragen sich, wie sie die steigende Nachfrage an sogenannter Daseinsvorsorge finanzieren sollen. Der Problemdruck steigt und gleichzeitig engagieren sich immer mehr Bürger, um pragmatische und innovative Lösungen zu entwickeln. In einer Studie für das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und das Bundesumweltministerium hat das Institut Arbeit und Technik (IAT / Westfälische Hochschule) eine Bestandsaufnahme neuartiger Kooperationen und Finanzierungsmodelle im Bereich der sozialen und kulturellen Infrastruktur unternommen.

Die Studie identifiziert insgesamt 160 Projekte und Initiativen. Darüber hinaus wurden 11 Fallbeispiele im Hinblick auf ihre zentralen Rahmenbedingungen und Erfolgsfaktoren analysiert. Im Fall aus Olfen im südlichen Münsterland gründeten Bürger die Stiftung „Unser Leohaus“ und belebten das 2006 aufgegebene, ehemals kirchliche Gemeindehaus wieder. Das Projekt wurde von der öffentlichen Hand bei der Konzeptentwicklung und in der Bauphase mit Rat und Tat unterstützt, nun steht in diesem November die Eröffnung bevor. Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass sich bundesweit in sozialen und kulturellen Bereichen eine neue Verantwortungsteilung zwischen Kommune und Bürgerschaft bildet. Viele Bürgerinnen und Bürger wollen sich stärker beteiligen und sich nach ihren Möglichkeiten für ihre Kommune engagieren: als Wissensgeber, als Co-Produzent statt reiner Konsument öffentlicher Leistungen oder als Geldgeber. „Kommunen sollten für dieses Engagement offen sein und eine Ermöglichungskultur im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe schaffen“, so das Forscherteam um Dr. Stefan Gärtner, Leiter des Forschungsschwerpunkts Raumkapital am IAT. Gleichzeitig ständen die Kommunen aber weiterhin in der Verantwortung als Gewährleistungsinstanz für ein weiterhin angemessenes Angebot der Daseinsvorsorge.
Projekte sind laut der Studie besonders dann erfolgreich, wenn sie von engagierten Ehrenamtlern getragen werden, die es immer wieder schaffen, andere Menschen zu motivieren. Für Menschen, die aktiv werden wollen, gibt es nun auch einen Leitfaden speziell zum Thema Daseinsvorsorge. Die Empfehlungen reichen bis hin zu möglichen Rechts- und Organisationsformen sowie Fragen der Finanzierung. Der Ratgeber zeigt aber auch Kommunen Möglichkeiten auf, wie bei Bürgerinnen und Bürger Hemmschwellen abgebaut werden können, die Aufgaben vor ihrer Haustür selber mitanzupacken.

Foto: Bürgerschaftliches Engagement beim Bau des Leohauses in Olfen © Bürgerstiftung Leohaus/Gaby Wiefel

Die Meldung wurde in Kooperation mit dem idw für das Wissenschaftsjahr 2015 – Zukunftsstadt erstellt.

 

 

Städter schauen weg, Dorfbewohner helfen eher

StädterNotiz | Mein Foto ist in einer Großstadt im Westen Deutschlands aufgenommen. Es zeigt vier Städter unterschiedlichen Alters. Wie reagieren sie wohl, wenn in ihrer direkten Nähe ein Mensch Hilfe braucht? Studierende der SRH Hochschule Heidelberg haben 460 Passanten in einer Feldstudie zur Zivilcourage getestet und  alarmierende Ergebnisse zutage gefördert. Je größer die Stadt, desto weniger sahen sich die Fußgänger veranlasst, einem verletzten Kind beizustehen. Im konkreten Fall halfen in Karlsruhe (ca. 300.000 Einwohner) nur 7% aller Passanten dem augenscheinlich notleidenden Mädchen, wohingegen in einem Dorf (ca. 6.000 Einwohner) zumindest 30% aller Vorbeieilenden Hilfe leisteten.

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